Fritz Dietiker hat mich angefragt ob ich nach Balsthal kommen möchte und eine 1. Mai Ansprache halten würde. Ich habe gerne zugesagt. Ich habe zugesagt obwohl ich kein fleissiger Gewerkschafter bin, ich bin einfach Mitglied des Schweizerischen Eisenbahn und Verkehrspersonalverband und ich bin Mitglied der UNIA. Ich bin Mitglied in diesen beiden Organisationen aus Überzeugung. Als Arbeitnehmer brauche ich eine starke Organisation welche für mich und für meine Arbeitsbedingungen schaut. Damit ich mich auf anderes konzentrieren kann. So geht es natürlich nicht nur mir, sondern wie ich meine allen angeschlossenen Arbeitnehmenden.

Der 1. Mai 2015 steht unter dem Titel: Soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung. Es ist ein guter Slogan. Wir haben alle den gemeinsamen und berechtigten Wunsch, dass wir ein Teil sind des sozialen Lebens und nicht gerade beim kleinsten gesundheitlichen oder anderen Problem auf das Abstellgleis geschoben werden. 

Der 1. Mai 2015 feiert in der Schweiz ein Jubiläum und zwar 125 Jahre 1. Mai.

Im Jahre 1890 gingen in der Schweiz und im restlichen Europa zum ersten Mal Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter am 1. Mai gemeinsam auf die Strasse. Sie folgten dem Ruf des internationalen Arbeitskongresses von Paris. Dieser hatte den 1. Mai zum internationalen Tag der Arbeit ausgerufen und zwar nach harten Auseinandersetzungen in Chicago anlässlich eines Streikes für den 8-Stunden-Arbeitstag. Lautstark forderten die Kolleginnen und Kollegen auch in der Schweiz den 8-Stunden-Tag. Die Patrons wollten davon nichts wissen. Dagegen sind die Gewerkschaften angetreten und dies, wir wissen es, mit Erfolg!

Viel erreicht …
Der Kampf für gute Arbeitsbedingungen und eine gerechte Teilhabe an den Früchten der Arbeit, wurde auch in der Schweiz hart geführt. Am Arbeitsplatz und auf der Strasse. Die 1. Mai Kundgebungen wurden lauter und hatten immer mehr Zulauf. Die Gewerkschaften haben seither für uns Arbeitnehmende viel erreicht: In vielen Betrieben haben die Gewerkschaften den 8 Stunden Tag und die heute selbstverständliche 5 Tage Woche durchgesetzt, ebenso Ferien, höhere Löhne, mehr Arbeitssicherheit, Unfall-, Kranken- und Rentenversicherungen. Kurz: Die Arbeiterbewegung hat in all den Jahren mehr soziale Gerechtigkeit erkämpft.

… und noch viel zu tun
2015 ist dieser Kampf nicht zu Ende. Die Schweiz ist so reich wie noch nie. Wir könnten es uns ja leisten, dass es allen Arbeiterinnen, Arbeitnehmer und Angestellten, allen Rentnerinnen und Rentnern gut geht. Die Realität ist leider anders. Die sozialen Gegensätze nehmen wieder zu. Einkommen und Vermögen sind extrem ungleich verteilt. Die Schere zwischen oben und unten öffnet sich. Immer mehr Menschen werden zu Globalisierungsverlierern. Es macht den Anschein als würden ältere Arbeitnehmende aus der Arbeitswelt in die Sozialhilfe abgedrängt. Später bezahlen sie diese Ungerechtigkeit mit mageren Renten. Doch auch für junge Menschen wird es schwieriger, rasch in den normalen Arbeitsmarkt zu kommen. Die Erwerbslosigkeit ist zwar gerade im Thal mit 2,6% recht tief, schweizweit liegt sie bei 3,4%. Dies scheint tatsächlich tief zu sein, aber von Vollbeschäftigung sind wir noch weit entfernt. Insbesondere weil die Langzeitarbeitlosen, irgendwann mit der Aussteuerung aus der Statistik fallen. Einher mit dieser Entwicklung steigen die Zahlen in der Sozialhilfe, dem letzten Netz der sozialen Absicherung. Wenn dann in den Sozialregionen die Fallzahlen steigen, ist dies wieder nicht recht und ihr findet als Leiter einer Sozialregion Erwähnung in einem schlecht recherchierten Artikel der Weltwoche. Dies ist ein Einschub in eigener Sache, musste ich jetzt aber loswerden.

In der Arbeitswelt kommt dazu, dass der Lohndruck steigt und die Belastung am Arbeitsmarkt spürbar zugenommen hat. Dies alles macht den Menschen sorge, um diese Sorgen zu lindern haben wir Arbeitnehmenden die Gewerkschaften.

Schädliche Ausgrenzung
Statt die Probleme anzugehen, wollen bürgerliche Parteien, Wirtschaftsverbände und Arbeitgeber die soziale Gerechtigkeit aushöhlen. Zahlreich sind die Firmen welche den stark überbewerteten Franken zum Vorwand zu nehmen, um ihre Margen nicht nur zu erhalten, sondern sogar zu erhöhen. Frei nach dem Prinzip „In guten Zeiten die Gewinne einstreichen, in schlechten Zeiten die Risiken auf die Arbeitnehmenden abwälzen“. Es soll Unternehmen geben welche illegal Eurolöhne einführen, Löhne senken, Arbeitsplätze auslagern und die Arbeitszeit erhöhen. Gegen diese „Frankenkriesengewinnler“ treten die Gewerkschaften an. 

Gebot der Stunde
Jetzt wo der Frankenkurs nicht mehr angemessen zum Eurokurs steht, stimmen die bürgerlichen Parteien ein in den Chor der Wirtschaftsverbände und propagieren altbekannte ideologische Rezepte: Deregulierung, Abbau des Service Public, Sparprogramme, Sozialabbau, Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche und der Verzicht auf längst fällige Massnahmen wie jene zur Durchsetzung der in der Verfassung verankerten Lohngleichheit. 

Statt Probleme zu lösen, werden die Nöte und Ängste der Menschen mit Ausgrenzungskampagnen bewirtschaftet: Gegen Sozialhilfeempfänger, gegen IV Bezügerinnen und Bezüger, gegen Minderheiten und vor allem gegen Ausländerinnen und Ausländer. Ausgrenzung und Diskriminierung schaden nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Gesellschaft und gefährden unseren Wohlstand. 
Soziale Gerechtigkeit ist das Gebot der Stunde. Gute Löhne und Renten, gute Arbeitsbedingungen, sichere Arbeitsplätze und Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern sind in der Schweiz wirtschaftlich möglich. Es ist eine Frage des Willens und des Kräfteverhältnisses. Deshalb braucht es gute Löhne und bessere Renten, gute Arbeitsbedingungen und Vollbeschäftigung. Es braucht eine gerechte solidarische, diskriminierungsfreie und offene Schweiz. Das ist das Motto der 125zigsten 1. Mai Feier. 

Die Losung lautet: Soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung!
Wir brauchen Lohngleicheit!
Wir brauchen Renten welche ein Leben in Würde ermöglichen!
Und wir brauchen einen ausgebauten Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende!

Liebe Anwesende
Am 23. Oktober wird auf nationaler Ebene ein neues Parlament gewählt. Sie haben die Möglichkeit die Weichen zu stellen, die Weiche zu stellen in Richtung mehr soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung. Bitte füllen sie den Wahlzettel aus und nehmen sie an den Wahlen teil. Es ist sehr wichtig.

Besten Dank für eure Aufmerksamkeit, ich wünsche euch allen noch einen schönen 1. Mai Nachmittag und später auch einen schönen Abend.

06. Mai 2015