1912 wurde als erster SP-Kantonsratspräsident Hans Affolter gewählt. Die Solothurner wählten den Jurist 2017 gar noch in die Regierung, ebenfalls als 1. SP-Regierungsrat in der Geschichte. Seither bekleideten 28 SP-Männer und 4 SP-Frauen dieses hohe Amt. Ende 2016 wählte das Solothurner Parlament also den 33. SP-Kantonsratspräsident für das Jahr 2017. Die öffentliche Wahrnehmung ist, dass Urs ein sehr aktives Jahr hinter sich hat. Er war sich nicht zu schade, alle Regionen zu besuchen und was ihm besonders am Herzen lag, sich in den Dienst der Bürgerinnen und Bürger zu stellen. Am 31. Dezember, 00.00 übergibt Urs das Zepter an Urs Ackermann (CVP, Balsthal). Auf der Nationalratsliste ist Urs Huber 1. Ersatz.

Das Interview mit Urs Huber hat Niklaus Wepfer (Redaktor Links SO) geführt.

Links: Urs, im Dezember 2016 haben dich deine Kolleginnen und Kollegen im Kantonsrat ohne Gegenstimmen, also mit 100%, zum Kantonsratspräsident 2017 gewählt. Wie schafft man dies?

Urs Huber: Keine Ahnung, ist halt so passiert. Nein ehrlich, ich kann mich gut erinnern, ich war echt gerührt. Ich hatte glaub noch ein paar Tränen in den Augen. Das passiert ja nicht alle Tage, zuletzt 1909! 

Links: Als Kantonsrat bist du dafür bekannt, Klartext zu reden und auch mal heikle Sachen zu benennen. Könnte es sein, dass du bei deiner Wahl gerade deswegen den grösstmöglichen Rückhalt erhalten hast?

Urs Huber: Man könnte ja auch sagen, wenn ein Roter alle Stimmen bekommt, hat er etwas falsch gemacht. Da war ich echt froh, dass dann am Abend an der Feier alle betonten, dieses Resultat hätte ich nicht bekommen, weil ich so ein lieber, harmloser Politiker sei, der es allen recht machen wolle. Konkret war es wahrscheinlich eine Anerkennung für viele Jahre engagierter Arbeit. Ich denke eben auch, man kann Klartext reden ohne den politischen Gegner, den Andersdenkenden immer als Trottel, Bösewicht zu behandeln und zu beleidigen.

Links: Bevor wir in die Zukunft schauen, was ist das Besondere am Amt des höchsten Solothurner? Was konntest du bewirken? Welches sind die Gestaltungsmöglichkeiten eines Kantonsratspräsidenten? 

Urs Huber: Das Besondere ist vor allem, dass du überall hinkommst. Du wirst überall eingeladen und du bist eigentlich auch überall willkommen. Anfang Jahr war es für mich noch echt gewöhnungsbedürftig, extra überall als Höchster Solothurner begrüsst zu werden. Dann bist du ja einerseits als Kantonsratspräsident ein politischer Eunuch. Jedenfalls im Kantonsratsaal, denn du kannst ja von Amtes wegen nicht politisch mitdiskutieren. Du kannst bei der Traktandenliste wenig steuern. Dennoch konnte ich dafür sorgen, dass die Diskussion über die Poststellenschliessungen zum richtigen Zeitpunkt stattfand und nicht per Zufall noch weiter verschoben werden konnte. Und man darf zahlreiche Reden halten, da kann man sehr gut seine politischen und persönlichen Schwerpunkte einbringen. Wichtig dabei ist, dass man das Amt nicht missbraucht. Es gibt einen Rahmen, den kann man ausnützen, aber nicht übertreten.

Links: Von aussen hat man das Gefühl, dass dir das hohe Amt sehr liegt und du dich wohl fühlst, oder täuscht dieser Eindruck? Dabei hast du ja einen gefüllten Terminkalender und bist dauernd unterwegs.

Urs Huber: Ja, ich gebe es zu. Ich liebte dieses Amt,es gefiel mir ausserordentlich und ich habe mich sehr wohl darin gefühlt. Dauernd unterwegs zu sein, das stimmt. Nur habe ich damit keine Probleme. Ich liebe beides: Immer unterwegs, oder dann auch einfach nichts tun. Meine Frau zum Glück auch nicht, sie sagt immer: So viele Anlässe seien kein Problem. Aber warum ich immer der Letzte noch sein müsse, der nach Hause geht….. Was ja überhaupt nicht stimmt.

Links: Welches waren denn die ganz besonderen Ereignisse, Begegnungen und Erlebnisse? Oder erlebt man auch Enttäuschungen als höchster Solothurner? 

Urs Huber: Die Begegnungen in ihrer Vielzahl und Unterschiedlichkeit machten dieses Jahr aus. Ich habe ja bei meiner Wahl gesagt, ich wollte ein Präsident für die Normalos sein. Und darum waren für mich die vielen Begegnungen schön. Ich mag die Menschen grundsätzlich, ich bin an ihnen interessiert und an ihrem Tun. Ob das nun jetzt beim Sport, Kultur, in einer Fabrik, einer Versammlung oder auch bei Arbeitgebern war. Höhepunkte waren für mich die vielen Reden, die ich halten musste und durfte. Ob im Parlament, bei Organisationen, Anlässen und natürlich die spezielle Kombination sowohl am1. Mai, als auch am 1.August. Enttäuschend war vielleicht dies, dass man medial viel schneller bei einem Apero wahrgenommen wird, als zu lesen was man inhaltlich zu sagen hatte.  

Links: Und deine Höhepunkte? 

Urs Huber: Am 1. August habe ich die „ObergösgerInnen“ ins Rathaus nach Solothurn eingeladen und an einem November-Samstagmorgen sind sie dann gekommen, 117 waren es. Sie waren begeistert, es war ein toller Tag. Einer sagte sogar dem Staatsschreiber: Er zahle ja nicht gerne Steuern, aber jetzt falle es ihm gerade ein wenig leichter.
Und dann die Verabschiedung von Peter Gomm. Schön, dass ausgerechnet ich sein Wirken würdigen konnte. Und dann unsere Susanne Schaffner als neue Regierungsrätin vereidigen zu können und zudem neu 23 SP-KantonsrätInnen, 4 mehr als bisher und die SP als alleinige Wahlsiegerin. 

Links: Jetzt dauert es noch 10, hoffentlich ruhige Tage, bis du dein Amt an deinen Nachfolger übergibst. Muss man dennoch über die Festtage für das eine oder andere Ereignis vorbereitet sein, oder hast du gar noch feste Termine?

Urs Huber: Das hat mit den Feiertagen zu tun und ist auch richtig so. Ich habe ja selber zwischen Weihnacht und Neujahr jeweils Geburtstag. Die Schlussansprache im Parlament steht noch bevor und Silvester um Mitternacht übergebe ich das Amt dann symbolisch mit einem Telefonanruf an meinen Nachfolger.

Links: Das Jahr 2018 dürfte auch für dich etwas ruhiger werden, es steht uns ein sogenanntes Zwischenwahljahr bevor. Dennoch ist dir hoffentlich bewusst, dass du jetzt einen hohen Bekanntheitsgrad hast. Du hast bei den Nationalratswahlen 2015 ein sehr gutes Resultat erreicht und belegst den 1. Ersatzplatz. Könntest du dir vorstellen deine politische Karriere in Bern fortzusetzen?

Urs Huber: Mich würde es auf jeden Fall reizen. Dies aber nicht als Fortsetzung einer „politischen Karriere“, das bin ich nicht. Aber als Aufgabe und im Dienste eben der vielen ganz normalen Bürger und Bürgerinnen.
Überhaupt freu ich mich, wieder inhaltlich mitdiskutieren zu können. Ich hatte ja lange gesagt, Kantonsratspräsident mach ich nicht. Da sitzt du da oben und ärgerst dich grün und blau über die Reden und kannst nicht einmal eingreifen.

Links: Und war es schlimm, dass du dich in diesem Jahr im Kantonsrat politisch nicht äussern durftest?

Ich hatte noch Glück mit den traktandierten Themen. Nur bei den Poststellen-schliessungen, da war es nicht einfach für mich. Ich hätte da sehr gerne was gesagt. Nicht nur inhaltlich, auch grundsätzlich. Wir lassen uns von diesem Konzern, der ja dem Volk gehört, dauernd für dumm verkaufen. Und das ist genau das, was ich nicht ausstehen kann.

Links: Im Namen der Kantonalpartei und der Kantonsratsfraktion danke ich dir ganz herzlich für deine Dienste als Kantonsratspräsident 2017 im Interesse des Kantons, wünsche dir und deiner Frau ehrholsame Festtage und für die Zukunft viel Erfolg.

Eine Frage hab’ ich noch; was wünschst du dir für die Kantonalpartei und die gestärkte SP-Fraktion in der Zukunft?

Urs Huber: Dass die SP diese Stärke behält und umsetzen kann: in Politik für alle, in Lösungen für die, die sie brauchen und einen Staat, der Sicherheit bietet ohne zu lähmen! Und vergessen wir die Umweltthemen nicht!

21. Dez 2017