Nein, es geht hier nicht um den Röstigraben. Aber ähnlich wie bei der „Barrière de rösti“ tut sich in unserem Land eine neue Kluft auf: Die zwischen SchweizerInnen und Eidgenossen. Die «gefühlten» Unterschiede zwischen den beiden Begriffen sind klein, doch ihre Verwendung im Alltag reisst tiefe Gräben in unsere Gesellschaft.

Die Schweiz von „Blick“ und „20 Minuten“!
Wir leben in 2 Schweizen, die nichts miteinander zu tun haben. Die eine ist die von Herr und Frau Eidgenosse, die wutentbrannt in jedes Mikrophon poltern, um glaubhaft machen zu wollen, dass das Schweizerboot voll ist. Die sich vor jede Kamera stellen, um in „gottesnamen“ endlich den Mitbürgern die Augen dahingehend zu öffnen, dass wir ob dem „Asylantentsunami“ drohen unterzugehen. Sekundiert werden sie von Politikerinnen und Politikern, die ausrufen: „Sommaruga hat versagt. Dem Asylchaos endlich ein Ende setzen!“ Oder „Wirtschaftsflüchtlinge tanzen den Behörden auf der Nase rum“. In dieser Schweiz gibt es Fronten und Frontseiten. Es ist die Schweiz von „Blick“ und „20 Minuten“. Es ist die Schweiz, in der es keine Strassenumfrage gibt, die nicht durchgeführt wird, in der kein empörter Bürger lebt, der nicht empört sein darf und in der keine noch so unbegründete Klage «gegen die Asylanten!» verhallt, ohne dass sie es nicht ins Blatt schafft. 

Die Schweiz der Brückenbauer!
Dann gibt es die andere Schweiz, die von den traditionsbewussten Mitmenschen, welche unsere Landesgrenzen im Sinne des humanitären Brauchtums solidarisch bis an die Meere – in der die überfüllten Boote sinken – ausdehnen will. Es ist die Schweiz, die Verantwortung übernimmt und handelt. Leider findet diese Schweiz eher im Verborgenen statt. Ab und zu kann man Schlagzeilen wie: «Kinder aus dem Asylwohnheim entdecken die Schweiz» oder „Ein Berner Dorf nimmt freiwillig 150 Flüchtlinge auf!“ lesen. Gebührende Aufmerksamkeit erhalten diese „anderen Schweizer“ nur in Ausnahmesituationen. Oder kennen Sie in unserer Region zum Beispiel den Verein „Sprachbrücke Asylsuchende Solothurn“? Der Verein ist nicht gewinnorientiert, und politisch und konfessionell neutral. Sein Zweck ist, dass

Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene Deutschkurse besuchen können. Die Kurse dienen als Ergänzung und keineswegs als Ersatz des kantonalen Angebots. Die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen kommen freiwillig. Sie alle beteiligen sich aktiv am Unterricht. Einmal pro Woche findet eine Doppelstunde Deutschunterricht in kleineren Gruppen (5-12 Lernende) statt. Es wird auch allerlei Nützliches zur Bewältigung des Schweizer Alltags vermittelt. Die Lehrenden sind allesamt erfahrene pensionierte Lehrkräfte. Sie arbeiten ehrenamtlich. Der Verein finanziert sich über Mitgliederbeiträge und Spenden. Die Stadt Solothurn stellt gratis Schulzimmer zur Verfügung. Diese wichtige ehrenamtliche Arbeit scheint für die Medien unspektakulär. Diese Meldung erlaubt keinen reisserischen Titel wie „Nur schwarz schwarz schwarz und Silberkugel“ und bringt nicht tausende Klicks beim Video. 

Farbe bekennen!
Liebe Leserinnen und Leser, es ist Zeit, Farbe zu bekennen gegen den drohenden abgeschotteten Alltag im reichsten Land der Welt. Die SP Stadt Solothurn hat es letzten Freitag getan und dem Verein „Sprachbrücke Asylsuchende Solothurn“ das SPriisli verliehen, dotiert mit 1’000 Franken. Denn wenn wir in Zeiten wie diesen mehr Angst vor den Menschen auf der Flucht haben als Vertrauen in unsere Stabilität, dann verraten wir die Geschichte unseres Landes, der Schweizerischen Eidgenossenschaft!

08. Jul 2015