Wenn das Rad bloss nicht rückwärts dreht
Dieses Jahr gibt es wichtige Jubiläen zu feiern: 100 Jahre Internationaler Frauentag, 40 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz, 30 Jahre Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung und 20 Jahre Frauenstreik. Aber wo stehen wir Frauenheute? Mit dieser Frage beschäftigten sich am Marianne Wüthrich (72) aus Mühledorf, Beatrice Widmer Strähl (47) aus Trimbach und Alice Schmid (22) aus Biberist. Sie führten ein offenes Gespräch unter Einbezug der teilnehmenden Frauen. Evelyn Borer, SP-Präsidentin Kanton Solothurn, übernahm dabei die Leitung. Rund 25 Zuhörer, darunter auch die Nationalratskandidatinnen Bea Heim, Susanne Schaffner-Hess und Fränzi Burkhalter- Rohner, verfolgten die Diskussion.
von Mirjam Stuber
«Ungleichheit besteht heute noch»
Die Gleichstellung kann dieses Jahr viele Jubiläen feiern. Dennoch sind Rollenbilder, Ungleichheit und politische Machtverhältnisse die zentralen Themen der Gesprächsrunde. Beatrice Widmer zieht eine kritische Bilanz zur Situation der Gleichberechtigung: «Der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt heute noch immer 20 Prozent. In Geschäftsleitungen sind vorwiegend Männer anzutreffen. Ungleichheit besteht heute noch.» Es stellt sich die Frage, welchen Stellenwert man einem Jubiläum einräumen soll. Mit der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts 1971 wurde der Grundstein für eine konkrete Gleichstellungspolitik der Schweiz gelegt. Susanne Schaffner meint dazu: «Wir Frauensind noch nicht dort, wo wir sein sollten. Gerade deshalb finde ich Jubiläen so wichtig. Sie erinnern uns daran, was unsere Vorkämpferinnen erreicht haben. Sie zeigen uns aber auch, dass wir uns weiterhin bemerkbar machen müssen.» Aus der Mitte der Zuhörerinnen meinte Daniela Gerspacher aus Oensingen, Gleichberechtigung sei zur Selbstverständlichkeit gemacht worden. Ist Kritik an ungleichen Machtverhältnissen unzeitgemäss? «Es ist unglaublich, was Frauenin den letzten Jahren erreicht haben. Ich weiss jedoch von einem Architekturbüro, welches in diesem Jahr zum ersten Mal einem Mädchen die Chance gab, eine Lehre als Hochbauzeichnerin zu beginnen. Das zeigt, dass Ungleichheit allgegenwärtig ist», so Juso-Vorstandsmitglied Alice Schmid. Die politisch engagierte Fraumacht derzeit eine KV-Lehre. «Beruflich fühle ich mich nicht benachteiligt», sagt sie.
Beruf und Familie vereinbaren
Beatrice Widmer hat ganz andere Erfahrungen gemacht. «Ich war die erste Fra uin der Familie, die eine Ausbildung machen konnte. Als ich ein Kind war, durfte meine Mutter bei Wahlen nicht mitstimmen. Mein Vater hat sich damals aber oft mit ihr abgesprochen.» Sie ist der Ansicht, dass Massnahmen zur verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie getroffen werden müssen. «Den Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Familienpause habe ich als sehr schwer empfunden. Um die Berufschancen von Frauenzu verbessern, muss das Kinderbetreuungsangebot ausgebaut werden.» Marianne Wüthrich ist zuversichtlich: «Zu wissen, dass wir gemeinsam etwas erreichen können, macht uns stark. Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen.» Mit dieser Aussage erinnert sie ihre Genossinnen an den Frauenstreik vom 14. Juni 1991. «Wenn das Rad bloss nicht rückwärts dreht», tönt es aus dem Publikum.
Quelle: Solothurner Zeitung






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